22. Juli 2017

Friedensritt zur Lürssen-Werft

Und hier die Rede der "Initiative Nordbremer Bürger gegen den Krieg", die im Rahmen des Friedensritts vor dem Lürssen-Verwaltungsgebäude gehalten wurde.

"Liebe Menschen, liebe Pferde,

warum stehen wir hier in dieser zugigen und ziemlich trostlosen Ecke von Bremen? Vor diesem schlichten Gebäude? Es ist das Bremer Verwaltungsgebäude der Werft Lürssen.

Lürssen, wer oder was ist das?

Die Lürssen-Werft baut hier in Vegesack seit 1875 Schiffe und Boote. Das erste Boot war ein Ruderboot aus Holz. Elf Jahre später hat die Werft laut eigener Darstellung das erste Motorboot der Welt gebaut. Von Anfang an ging es der Werft darum, möglichst schnelle Motorboote zu bauen und sie war darin sehr erfolgreich. Die Geschwindigkeit von 27 Knoten = 50 kmh war 1911 geradezu sensationell. Zur gleichen Zeit, vor dem Ersten Weltkrieg, wollte Kaiser Wilhelm II. eine Kriegsmarine aufbauen, die mindestens so mächtig sein sollte wie die von Großbritannien, der damaligen „Herrscherin der Meere“. Das brachte der Lürssen-Werft viele Aufträge. Lürssens Spezialität waren schnelle Motorboote. Kriegsschiffe mit starken Motoren für hohe Geschwindigkeiten, das sind sogenannte Schnellboote. Sie dienen in der Regel dazu, mit ihren Torpedos gegnerische Schiffe zu versenken. Daran forschte die Werft bereits im Ersten Weltkrieg, im Zweiten Weltkrieg wurden sie ihr absoluter „Verkaufsschlager“. – Nach dem Weltkrieg dauerte es nur wenige Jahre, bis diese unselige Tradition wieder aufgenommen wurde. Ab 1954 wurden Schnellboote gebaut und exportiert, nach 1957 auch für die neue Bundesmarine.

Schnelle Boote mit starken Motoren sind auch mit ein Grund für das zweite Standbein der Werft, nämlich Mega-Yachten für die Reichsten dieser Welt. Diese schwimmenden Paläste werden hier, vor allem auf der anderen Weserseite, gebaut. In der Regel sind nicht nur die Auftraggeber anonym, sondern auch die Ausstattung der Schiffe, so dass wilde Gerüchte kursieren über goldene Wasserhähne undsoweiter undsofort. Lürssen sagt den Auftraggebern absolute Verschwiegenheit zu und ist Weltmarkführer im Bau dieser Yachten. Die weltweit größte Privat-Yacht mit 180 Metern Länge wurde vor wenigen Jahren hier für einen saudi-arabischen Investor gebaut. Ein Stückchen weserabwärts (hier direkt gegenüber liegen die Super-Yachten einer anderen Werft) könnt Ihr die Yachten aus der Lürssen-Werft schwimmen sehen. Lürssens Kriegsschiffe werden meistens woanders gebaut, zum Beispiel in der Peene-Werft in Wolgast. Lürssen verdient mit seinen zwei Standbeinen nämlich so gut, dass in den letzten Jahren zahlreiche Werften aufgekauft werden konnten, zuletzt Blohm & Voss in Hamburg. Das Privatvermögen der beiden Eigner der Lürssen-Werfengruppe, Peter und Friedrich Lürßen, wird auf über eine halbe Milliarden Euro geschätzt.

Welche Super-Yachten Lürssen baut ist wie gesagt nicht allzu bekannt, der Kriegsschiff-Bau ist ein bisschen weniger geheim. Ganz aktuell hat sich die Werft einen Auftrag über 1,5 Milliarden Euro an Land gezogen. Es handelt sich um fünf sogenanne Korvetten, das sind mittelgroße Kriegsschiffe, für die deutsche Marine. Eine konkurrierende Werft in Kiel war anfangs mit der Auftragsvergabe an Lürssen nicht einverstanden, jetzt soll sie 15 % vom Kuchen abbekommen und ist damit zufriedengestellt. Kriegsschiffe für die Bundesmarine, die werden bezahlt mit Steuergeldern. 1,5 Milliarden Euro, das sind 1500 mal eine Millionen Euro! Heißt es nicht immer wieder bei sozialen und anderen Projekten „es ist kein Geld da“?

Ist Lürssen gegenwärtig an Rüstungsexporten beteiligt?

Aktuell baut Lürssen Patrouillenboote für Saudi-Arabien. Insgesamt sind 48 bestellt, eins ist geliefert, weitere vier sind in Wolgast im Bau. Die Genehmigung hierfür war vor einem Jahr in Frage gestellt, weil Saudi-Arabien nicht nur ein Spannungsgebiet ist, sondern gegenwärtig im Jemen Krieg führt. Doch Saudi-Arabien machte Druck, drohte die Waffen woanders einzukaufen und seitdem genehmigt der Bundessicherheitsrat, natürlich mit großen Bauchschmerzen. Der Auftrag wird über 1 Milliarde Euro nach Deutschland bringen und in Wolgast 400 Menschen über viele Jahre Arbeit verschaffen. Außerdem ist die Beteiligung Saudi-Arabiens im Jemen-Krieg im westlichen Interesse und wird von den USA, England und Frankreich ebenfalls unterstützt. Und von Lürssen.

Was macht Saudi-Arabien eigentlich mit den Patrouillenbooten, die klingen doch so harmlos? Werden saudische Küsten vor Schmugglern und anderen Ganoven geschützt? Nein, Saudi-Arabien blockiert die Häfen des Nachbarstaates Jemen, um den Nachschub an Waffen für die gegnerischen Truppen im Jemen-Krieg zu unterbinden. Doch von der Blockade ist ebenfalls die Zivilbevölkerung betroffen, denn die Nahrungsmittelversorgung läuft über die selben Häfen! Auch wenn es in den Medien kaum erwähnt wird: Im Jemen herrscht zur Zeit eine der größten Hungerkatastrophen der Gegenwart! Die Patrouillenboote von Lürssen sind für Kriegshandlungen wie diese Blockade gedacht und werden damit mitverantwortlich sein für Hunger und Elend in diesem Teil der Welt! Machen wir uns nichts vor: Auch in diesem unscheinbaren Gebäude hier sitzen die Akteure eines Rüstungsexports, der für Hunger und Elend in der Welt mit verantwortlich ist – ganz aktuell und sehr konkret! Alles sich-Winden und Verleugnen nützt nichts: Krieg beginnt hier! Hier in Bremen, hier bei Lürssen. Also lasst ihn uns auch hier beenden, eines schönen Tages!"