9. November: Mahnwache vor dem ehemaligen Jüdischen Altenheim im Bremer Westen
In der Nacht vom 9. November 1938 wurden im gesamten Deutschen Reich Synagogen in Brand gesteckt, auch das damalige jüdische Altenheim im Westbremer Stadtteil Gröpelingen wurde angegriffen. Jedes Jahr wird auch an diesem Ort an diese schreckliche Nacht, die heute als Reichspogromnacht bekannt ist, der Opfer gedacht.
Unsere Linke-Bürgerschaftsfraktion legte einen Kranz nieder, der Fraktionssprecher der Linken im Gröpelinger Beirat hielt eine Rede, die hier nachlesbar ist:
Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
liebe Freundinnen und Freunde,
wir stehen heute am 9. November zusammen – an einem Tag, der uns mahnt, genau hinzusehen. Vor 87 Jahren, in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, brannten in ganz Deutschland Synagogen. Jüdische Geschäfte wurden zerstört, Menschen geschlagen, verhaftet, ermordet. Auch hier in Bremen, auch in Gröpelingen, fand diese Gewalt statt.
Das jüdische Altersheim, vor dem wir heute stehen, war einst ein Ort der Fürsorge und Sicherheit. In der Pogromnacht wurde es verwüstet. Die Bewohnerinnen und Bewohner wurden verschleppt. Nur wenige überlebten. Dieser Ort erinnert uns daran, dass Unrecht nicht irgendwo geschah, sondern mitten unter uns. Und dass Wegsehen und Schweigen immer den Tätern nützen – nie den Opfern. Erinnerung ist kein Selbstzweck. Sie ist Verpflichtung – zur Wachsamkeit, zur Haltung, zur Solidarität.
Gröpelingen ist ein Stadtteil, in dem viele Menschen mit unterschiedlicher Herkunft leben: aus der Türkei, aus arabischen Ländern, aus Afrika, aus Osteuropa und vielen anderen Regionen.
Diese Vielfalt prägt das Viertel. Sie bringt Sprachen, Musik, Ideen und Lebensfreude – sie ist Teil unserer Alltagsrealität. Aber sie bringt auch Spannungen mit sich. Es gibt auch Probleme, die man ansprechen muss. Konflikte, die anderswo entstehen, wirken bis hierher: der Krieg in der Ukraine, der Terror in Israel, das Leid in Gaza. Sie belasten Gespräche, Freundschaften, Nachbarschaften.
Gerade deshalb ist es wichtig, dass wir hier vor Ort nicht zulassen, dass diese Konflikte uns spalten. Wir dürfen sie nicht gegeneinander aufrechnen. Wir leben gemeinsam hier – und wir tragen gemeinsam Verantwortung für den Frieden im Kleinen. Wir wollen, dass unsere Kinder ohne Angst zur Schule gehen können, dass niemand sich verstecken muss, und dass Respekt das Miteinander bestimmt – unabhängig von Herkunft oder Religion.
In den vergangenen Monaten wurde in Deutschland wieder über das sogenannte „Stadtbild“ gesprochen. Manche Politiker sagen, unsere Städte müssten „wieder deutscher“ aussehen. Das klingt harmlos – ist es aber nicht. Denn wer darüber spricht, wie Menschen „aussehen“ sollen, meint oft, wer dazugehören darf – und wer nicht. Und genau das hat mit dem 9. November zu tun.
1938 galten Jüdinnen und Juden als „Fremde im eigenen Land“. Sie passten angeblich nicht ins „deutsche Stadtbild“. Diese Denkweise ebnete den Weg in die Gewalt.Darum ist die aktuelle Stadtbilddebatte nicht belanglos. Sie berührt Grundfragen: Wer ist sichtbar? Wessen Kultur, wessen Gesicht, wessen Geschichte gehört zum öffentlichen Raum? Gröpelingen gibt darauf eine klare Antwort: Das Stadtbild hier ist vielfältig – und das ist gut so. Unsere Straßen zeigen, wie Zusammenleben funktioniert, wenn Menschen sich gegenseitig achten. Das ist nicht Beliebigkeit, das ist Realität.
Heimat bedeutet nicht, andere auszuschließen. Heimat bedeutet, Verantwortung füreinander zu übernehmen – unabhängig von Herkunft. Gerade am 9. November sollten wir daran erinnern: Ein offenes Stadtbild setzt ein offenes Menschenbild voraus. Wer Erinnerung ernst nimmt, darf Ausgrenzung nicht dulden. Nicht im Alltag, nicht in der Politik, nicht in der Sprache. Gedenken darf nicht in der Vergangenheit stehen bleiben. Erinnerung verpflichtet zum Handeln – jeden Tag.
Antisemitismus, Rassismus und Hetze sind nicht verschwunden. Sie haben nur andere Formen angenommen: in sozialen Netzwerken, auf Demonstrationen, in Parolen. Sie bedrohen unser demokratisches Zusammenleben. Darum braucht es Widerspruch, Haltung und Mitgefühl. Nicht nur an Gedenktagen, sondern überall dort, wo Menschen ausgegrenzt werden. Demokratie beginnt im Alltag – in der Schule, am Arbeitsplatz, auf der Straße. Zivilcourage ist kein großes Wort, sondern eine Entscheidung, die man trifft, wenn man Ungerechtigkeit sieht.
Und gerade heute, am 9. November, zeigt Gröpelingen, was Zusammenhalt bedeutet. Das Erzählfestival „Feuerspuren“ füllt den Stadtteil mit Stimmen, Geschichten und Musik. Menschen erzählen in vielen Sprachen vom Leben, von Flucht, Neubeginn und Hoffnung.
Das diesjährige Motto lautet „Sichtbar“. Das passt zu diesem Tag. Denn sichtbar zu werden – das bedeutet, gehört zu werden. Und wer gehört wird, verliert ein Stück Unsichtbarkeit, ein Stück Ohnmacht.
Das Festival und diese Mahnwache haben mehr gemeinsam, als es auf den ersten Blick scheint: Beide geben Stimmen Raum, die sonst leicht überhört werden. Beide machen Geschichte spürbar – die vergangene und die gegenwärtige. Und beide zeigen, dass aus Erinnerung und Begegnung Gemeinschaft entsteht.
Wenn wir auf die Welt blicken, sehen wir Leid und Krieg: in Gaza, in Israel, in der Ukraine. Die Gewalt trifft vor allem Zivilisten, Familien, Kinder. Viele Menschen hier in Gröpelingen haben Angehörige in diesen Regionen. Das macht die Kriege auch für uns zu einem Thema, das nahegeht.
Wir wissen: Kriege enden nicht durch Waffen allein. Sie enden, wenn Menschen den Mut finden, miteinander zu reden. Frieden entsteht nicht durch Sieg, sondern durch Verhandlung. Diese Haltung – der Versuch, zu verstehen, zu vermitteln, menschlich zu bleiben – beginnt auch hier, in unserer Nachbarschaft.
Der 9. November erinnert uns, wohin Hass und Gleichgültigkeit führen. Aber er erinnert uns auch daran, dass Menschen sich dem entgegensetzen können. Hier in Gröpelingen geschieht das jeden Tag: In Schulen, Vereinen, Initiativen, Nachbarschaften. Menschen kümmern sich umeinander, helfen, widersprechen, organisieren.
Der Beirat, Bürgerinitiativen, die VVN-BdA, soziale Projekte – sie alle zeigen, dass Demokratie nicht von oben kommt, sondern unten wächst. Dass Erinnerung nicht im Museum bleibt, sondern in Begegnung lebendig wird. Diese Kultur braucht Unterstützung. Sie ist keine Nebensache – sie ist der Kern einer offenen Stadtgesellschaft.
Der 9. November erinnert uns an den Preis der Gleichgültigkeit. Gröpelingen erinnert uns an die Kraft der Vielfalt.
Und das Festival Feuerspuren erinnert uns daran, dass Geschichten Brücken schlagen – zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Erinnerung und Hoffnung.
Erinnerung und Alltag gehören zusammen. Das eine mahnt, das andere fordert uns heraus.
Wenn wir beides verbinden – das Gedenken und das Handeln – dann bleibt Erinnerung lebendig, und Vielfalt wird zur Stärke, nicht zur Spaltung.


